10.07.2020

Jaky´s Informationen & News

Während des Ramadan dürfen in einigen Städten die Muezzins zum Gebet rufen. Oft deklarieren die Imame das als Zeichen der Verbundenheit in der Corona-Krise mit den christlichen Kirchen. Seyran Ates schreibt, warum sie diese Aktionen für gefährlich hält.

Ein Virus zwingt uns zu drastischen Maßnahmen. Nicht nur Ländergrenzen, Schulen, Restaurants usw. sind geschlossen, sondern auch Kirchen, Synagogen und Moscheen. Die Gotteshäuser, in den Menschen die Nähe zu Gott suchen, bleiben zu. Menschen sind in Quarantäne und müssen in ihren Wohnungen andere Wege zu Gott und ihren Gemeinden finden.

Der Moschee Verein der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) – würde man ihn in die Nähe der Muslimbrüder rücken, würde man eventuell eine Klage riskieren, daher tue ich das nicht – nutzte beispielsweise seine Facebook-Seite, um Gläubige darüber zu unterrichten, dass seit dem 3. April 2020 im Gleichklang zum Glockenläuten der christlichen Genezareth-Gemeinde in Neukölln erstmals öffentlich der islamische Gebetsruf erklingen werde. Die Idee wurde umgesetzt.

****  Aufruf zu Kontrollverlust   ****

Der Muezzin rief laut genug durch Lautsprecher, dass ihn viele Menschen hörten. Was dann geschah, nennt man aber wohl „außer Kontrolle geraten“. Eine Menschenmenge von mehr als 300 Menschen, mehrheitlich Männer, versammelte sich vor der Dar As-Salam Moschee. Sie reckten ihre Handy-Kameras in die Höhe. Sie waren gekommen, um dem Ruf zu huldigen. Von außen betrachtet sah es teilweise aus wie bei einem Konzert, bei dem Filmaufnahmen zugelassen sind.

Man solle in den Zeiten des COVID-19 durch regelmäßige Gebete parallel zu jedem Glockenläuten ein Zeichen setzten. Der Ruf des Muezzins aus der NBS heraus führte jedoch nicht dazu, dass die Menschenmenge vor der Moschee dies als Verbundenheit zwischen Christen und Muslimen in schweren Zeiten auffassten, sondern als Sieg über die Ungläubigen, die Unterdrücker der Muslime. So lauteten jedenfalls viele Kommentare in den sozialen Medien unter den geposteten Videoaufnahmen.

****  Facebook-Liveübertragung aus der Moschee  ****

Sie feierten vor Ort, dass endlich in Berlin-Neukölln der Ruf des Muezzins zu hören war. Der Bezirk hat die Aktion so verstanden, wie sie gemeint war – als Provokation. Er hat sie verboten. Der Ruf des Muezzins in Neukölln war aber keineswegs ein neuartiges Phänomen oder ein Einzelfall. Es gibt ähnliche Beispiele in anderen Städten, wie etwa in Duisburg-Marxloh oder auch in Flensburg.

Die Gebetsrufe kommen als Zeichen der Solidarität daher. Diese Sichtweise wird aber nur von wenigen vertreten. Die Organisatoren sagen zwar auch, dass es sich um ein Zeichen handele, aber die zentrale Frage ist doch, wie eine derartige Aktion bei den Musliminnen oder Muslimen ankommt, die den Ruf hören. Und nicht alle befürworten sie. Denn was wir sehen, sind die Vorboten eines Kulturkampfes entlang religiöser Konfliktlinien.

****  Kein Zeichen der Verbundenheit  ****

Der Ruf des Muezzins aus der NBS heraus führte nicht dazu, dass die Menschenmenge vor der Moschee dies als Verbundenheit zwischen Christen und Muslimen in schweren Zeiten auffassten, sondern als Sieg über die Ungläubigen, die Unterdrücker der Muslime. So lauteten jedenfalls viele Kommentare in den sozialen Medien unter den gepostet Videoaufnahmen.

Aus Spanien kamen gar Aufnahmen mit dem Hinweis, dass endlich nach 500 Jahren der Muezzin wieder zu hören und der Sieg der Muslime über den Ungläubigen nicht mehr fern sei. Die Muslime würden sich zurückholen, was ihnen einst genommen wurde.

****  Hate Speech von konservativen Muslimen  ****

Den Vertretern des NBS nehme ich nicht ab, dass sie lediglich falsch verstanden worden sein wollen. Noch weniger nehme ich ihnen ab, dass sie keinen der Menschen vor der Moschee kannten, die keinerlei Abstand zueinander hielten und „Allah ist groß!“ rufend die Polizei angriffen, als diese versuchte, die Menschenmenge aufzulösen. Jetzt soll es stattdessen eine Facebook-Liveübertragung geben.

Was den Inhalt dieser Übertragungen betrifft, darüber sollten sich unsere staatlichen Sicherheitsapparate schnellstens informieren. Sie müssen nur die Kommentare und Storys unter meinen Postings lesen und die Urheber verfolgen, dann sehen sie, wozu sogenannte konservative Muslime fähig sind. Selbstverständlich ganz feige hinter Fake-Accounts versteckt. Dass mir unterstellt wurde, ich würde mit der AfD sympathisieren und ich sei „gemeingefährlich“, gehört noch zu den harmloseren Kommentaren.

****  Wird die Coronakrise die Gesellschaft weiter spalten?  ****

Während in Krisenzeiten eigentlich Gräben überwunden werden sollten und die Gesellschaft enger zusammenrücken sollte – egal wie der soziale oder konfessionelle Hintergrund ist – befürchte ich, dass häufig genau das Gegenteil davon passiert. Wir sehen eine weitere Polarisierung, und ich befürchte, die jüngsten gewaltsamen Ausschreitungen in Paris sind schon erste Vorboten darauf waren, dass sich die gesellschaftlichen Fliehkräfte verstärken werden und wir auf „extremere“ Zeiten zusteuern werden. Zu groß wird der negative Einfluss der Krise auf den Alltag von vielen Menschen in den nächsten Jahren sein.

Hoffen und wünschen wir uns dennoch, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland den Ramadan so begehen werden, wie die Christen kürzlich erst Ostern und die Juden den Pessach. Nämlich friedlich und besinnlich und unter Einhaltung der aktuellen Regeln – im Interesse aller Menschen in Deutschland. Vielleicht können wir Muslime den ersten „digitalen Ramadan“ sogar positiv nützen und die friedlichen Seiten unserer Religion übers Internet auch in ein paar Wohnzimmer von unseren jüdischen und christlichen Freunden tragen. Damit könnten wir der absehbaren weiteren Spaltung unserer Gesellschaft sogar ein Stück entgegenwirken. Ob das gelingen kann, ist eine andere Frage.

Ich bleibe Optimist

Deutschland , Innenpolitik , Islam , Neukölln , Städte

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